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Buchvorstellung "Der Kristall"
Geschrieben von  Mandy Schur Mandy Schur Geschrieben,  28-01-2018 12:30 28-01-2018 12:30 270  Gelesen 270 Gelesen
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"Der Kristall" Ein Science-Fiction-Thriller von Oliver Juwig.



Zwei junge Forscher der Universität Berkeley entdecken in der großen Pyramide von Gizeh mithilfe eines insektoiden Mikroroboters eine versteckte Botschaft, während fast zur gleichen Zeit in Cambridge ein Team von Astronomen aufgrund theoretischer Überlegungen einen abnormen Himmelskörper postuliert. Als sich das volle Ausmaß der Bedrohung offenbart, bleiben nicht viel mehr als sechs Wochen Zeit, diesen Himmelskörper, der nicht größer ist als ein Apfel, von seinem Kollisionskurs mit der Erde abzulenken. Allerdings zeigt sich sehr schnell, dass die Menschheit nicht über die notwendigen Mittel verfügt, um der drohenden Katastrophe entgegenzutreten.
Ohne von dieser Bedrohung zu ahnen, enträtseln derweil die Jungforscher aus Berkeley die mysteriöse Botschaft aus der Pyramide und als sich dann schrittweise das technologische Erbe einer uralten Zivilisation offenbart, beginnt ein spannender und tödlicher Wettlauf gegen die Zeit.



Leseprobe:



Prolog

Zum Ende des Pleistozäns vor nun fast zwölftausend Jahren erwärmte sich das Klima und die lange Eiszeit endete. Die mächtigen Gletscher, die sich über die letzten hunderttausend Jahre immer tiefer in die gemäßigten Breiten der Erde geschoben hatten, begannen zu schmelzen und die Meeresspiegel stiegen wieder an.
Riesige Eisstauseen, die die Landschaft Westsibiriens und Nordamerikas beherrschten, wurden durch die abschmelzenden Eismassen bis zum Überlaufen gefüllt und die ansteigenden Temperaturen ließen die Eismauern immer dünner und brüchiger werden. Eine globale Katastrophe bereitete sich vor.
Zu dieser Zeit näherte sich aus der Tiefe des Raums mit vierhundert Kilometern pro Sekunde unaufhaltsam ein Unheil der Erde auf seiner elliptischen Bahn um die Sonne. Das Objekt, trotz seiner zerstörerischen Kraft nicht größer als eine Orange, riss ein feuriges Loch in die dünne Atmosphäre der Erde, bevor es im Norden des heutigen Kasachstan auf den vereisten Boden traf. Es durchschlug die Erde wie eine Gewehrkugel ein Blatt Papier und trat nach knapp einer halben Minute ungebremst in Nordamerika in der Nähe des heutigen Toronto wieder aus. Die verheerenden Schockwellen dieser globalen Katastrophe durcheilten die Erdkruste und erreichten eine Stärke von zwölf und mehr auf der heutigen Richterskala.
Die Eisbarrieren, die die aufgestauten Seen umgaben, brachen und über Jahrtausende angesammelte Wassermassen bahnten sich ihren alles vernichtenden Weg. Der nordamerikanische Eissee ergoss sich in den Atlantik und mehrere hundert Meter hohe Flutwellen trafen auf die Küsten Europas, Afrikas und Südamerikas. Der riesige
Gletschersee, der sich über tausende von Kilometern im westsibirischen Tiefland erstreckt hatte, brandete über den Aralsee, überflutete das Kaspische und das Schwarze Meer, bis sich die Wassermassen schließlich unaufhaltsam ins Mittelmeer ergossen.
Die große Zivilisation, die zu dieser Zeit den fruchtbaren Norden des afrikanischen Kontinents besiedelte, fand in den sich gegenseitig verstärkenden Flutwellen, die aus dem Atlantik und aus dem Schwarzen Meer in das Mittelmeer hereinbrachen, ein jähes, wenn
auch weder unerwartetes noch unvorbereitetes Ende.


Erster Akt


Der Gletscher

Die Kakerlake

René fühlte den tiefen, kraftvollen Schlag seines Herzens. Kleine Steinchen und Unebenheiten drückten sich bei jedem Schritt durch seine Schuhe und jeder Atemzug, der über seine Zunge strömte, hinterließ den leicht feuchten, dumpfen Geschmack verbrauchter Luft wie nach einer langen, durchtanzten Nacht. Hinter sich hörte er Lucas, seinen Freund, der sich mit schwerem, rasselndem Atem in geduckter Haltung den aufsteigenden Korridor zur großen Galerie hochkämpfte.
All dies realisierte René mit einer unnatürlichen Schärfe und Klarheit. Er kannte das Gefühl der Aufregung und gleichzeitig hundertprozentigen Aufmerksamkeit nur zu gut. Heute aber war es nicht das Angesicht der physischen Gefahr, die das Adrenalin in seine Adern pumpte. Heute war es die süße Angst des Verbotenen.
„Bitte, lass uns mal kurz anhalten“, keuchte Lucas. René hielt im Schritt inne, stützte sich auf seinem vorderen Knie ab und blies sich eine braune Locke aus der Stirn. Er hatte in seiner Aufregung völlig vergessen, wie sehr Lucas mit dem Aufstieg zu kämpfen haben würde.
Lucas und René waren PhD Studenten im Fachgebiet Robotik und hatten sich in einem Programmierkurs an der Universität in Berkeley kennengelernt. Das war nun schon sechs Jahre her. Seitdem verbrachten sie fast ihre gesamte Zeit zusammen im Robotics and Intelligent Machines Lab der Universität. So wie die beiden in ihrer körperlichen Erscheinung unterschiedlicher nicht sein konnten, so perfekt ergänzten sie sich in ihrem Fachgebiet. Aus der gemeinsamen Projekt- und Forschungsarbeit hatte sich in den letzten Jahren eine intensive und tiefe Freundschaft entwickelt.
Lucas versuchte, Luft in seine Lungen zu pumpen und gleichzeitig sein rasendes Herz zu beruhigen. Er strich sich die triefnassen Strähnen seines Haars aus der Stirn.
„Es ist unfair, wenn du vorne wegrennst. Du solltest mich lieber schieben.“ Gewiss wollte er das nicht wirklich, aber den steil nach oben führenden Gang zu erklimmen, bereitete ihm bei seiner Körperfülle überaus große Anstrengung. Und dass dieser nur etwas über ein Meter hoch war, machte es Lucas bei seiner immensen Größe nicht gerade einfacher.
Manchmal beneidete er René um dessen sportgestählten Körper.
„Das nächste Mal nehme ich dich mal mit zum Klettern“, witzelte René.
Lucas seufzte. „Klar doch.“
Er stemmte sich wieder nach vorne. „Wir können weiter.“
Lucas wusste natürlich, dass René recht hatte. Nichts wünschte er sich sehnlicher, als den Teufelskreis aus Energy Drinks, seinen geliebten Erdnüssen und den langen Tagen und Nächten am Bildschirm durchbrechen zu können. Die innere Kraft hatte ihm bisher immer gefehlt. Aber es hatte auch seine positiven Seiten, wie er sehr wohl wusste. Mit seinen Talenten hatte sich Lucas mit der Zeit als der begabteste Student in Berkeley im Feld der Computer Vision und künstlichen Intelligenz, einer grundlegenden, wenn nicht der wichtigsten Disziplin der Robotik, etabliert.
René versuchte, Lucas Mut zu machen. „Es ist nicht mehr weit. Der Abzweig ist gleich da vorne.“
Ab dort ging es nicht mehr bergauf, wusste René. Er hatte sich vor ihrer Expedition sehr genau informiert und hatte die schematischen Abbildungen der Gänge der großen Pyramide vor seinem inneren Auge. „Ab da wird es leichter.“
Lucas nahm den Hinweis dankbar an. Die brennenden Muskeln in seinem Rücken würden sich aber nicht beruhigen können, denn auch der horizontale Verbindungsgang zur Königinnenkammer war stellenweise nur etwas über ein Meter hoch.
Er biss die Zähne zusammen und schleppte sich weiter.
Es war etwas mehr als ein Jahr her, dass die Idee zu ihrem privaten kleinen Projekt geboren worden war. Lucas konnte sich noch sehr gut an den dunklen und verregneten Novembernachmittag erinnern. Normalerweise war René freitags um diese Uhrzeit schon auf dem Weg in die Stadt, um sich mit seinen Kumpels – oder den Verrückten, wie Lucas die Jungs im Stillen immer nannte – zum Freerunning zu treffen. An diesem Tag aber nicht und es war nicht nur der Regen, der René im Labor festhielt, vielmehr hatten die beiden sich mal wieder in Renés Lieblingsthema festgebissen.
René redete sich mal wieder richtig heiß. „Also, ich glaube nicht, dass man von außen mit Drohnen, Thermografie oder irgendwelchem kosmischen Strahlenfirlefanz was finden wird. Das Scan Pyramids Projekt ist Zeitverschwendung. Man muss da rein. Wie damals Gantenbrink.“
„Nicht schon wieder Gantenbrink“, erwiderte Lucas. Er konnte die Geschichte über den Gantenbrinkschacht nicht mehr hören – so oft hatte René ihn damit schon genervt. Wie so viele glaubte René, dass die wirklichen Geheimnisse der Pyramiden noch längst nicht gelüftet worden waren. Gerade die große Pyramide in Gizeh war seit Jahrzehnten Inspiration für Verschwörungstheoretiker, Esoteriker und UFO-Gläubige. Und René war fasziniert von deren Geschichten. Auch wenn er es sich selbst nie zugeben würde, dass er damit nur allzu oft den Pfad der wissenschaftlichen Tugenden verließ und sich auf die verführerische Welt der Grenzwissenschaften einließ.
„Warum sollte man einen Schacht bauen, der im Nichts endet. Völlig sinnlos. Und im Übrigen ist die große Pyramide“ – René vermied es immer, Cheops zu erwähnen – „keine Grabstätte, das weiß doch jeder.“
„Wieso nicht?“ Professor Liebermann hatte unbemerkt den Raum betreten und schon eine Weile zugehört. „Und was ist Gantenbrink?“
René wandte sich um und holte schon Luft, um zu einem seiner Vorträge über die große Pyramide anzusetzen, aber Lucas kam ihm zuvor. „Nun ja, man hat in den Grabkammern der Cheops Pyramide weder Mumien entdeckt, noch sind die Grabkammern mit Wandmalereien und Hieroglyphen verziert. Das ist schon merkwürdig.“
René warf Lucas einen langen Blick zu. „Und die Anlage der Kammern und Gänge in der großen Pyramide ist auch anders, viel komplexer als in den anderen Pyramiden. Manche glauben, sie sei viel älter als die anderen und nicht von den Ägyptern erbaut worden.“
Professor Liebermann runzelte die Stirn. Er vertraute wissenschaftlichen Fakten und alles, was er über die Pyramiden in Gizeh gehört hatte, sprach eine andere Sprache. Die imponierenden Bauten waren demnach alle von den Pharaonen der vierten Dynastie erbaut worden.
„Okay“, sagte Professor Liebermann und zog das Wort dabei etwas in die Länge, „aber was ist mit Gantenbrink?“ Mit der Frage wollte er die Sprache wieder auf das unbekannte Wort bringen, das zuvor seine Aufmerksamkeit erregt hatte.
Das war Renés Stichwort und die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus. „Nicht was, sondern wer. Rudolf Gantenbrink ist ein deutscher Ingenieur und Pyramidenforscher. Na ja, eigentlich war das alles nur ein Hobby von ihm. Auf jeden Fall hat er 1993 einen kleinen Raupenroboter, den Upuaut 2, gebaut und einen Schacht auf der Südseite der großen Pyramide hochfahren lassen. Nach gut 65 Meter, die der ungefähr zwanzig mal zwanzig Zentimeter große Schacht schräg nach oben führt, traf der Roboter auf eine Tür, die mit Kupferbeschlägen versehen war. Jahre später wurde diese Tür in einer zweiten Expedition, diesmal von National Geographic organisiert, von einem Roboter durchbohrt und es wurde eine kleine Kamera durch die Öffnung geschoben. Hinter der Tür liegt ein kleiner, leerer Raum, der durch einen gegenüberliegenden Stein abgeschlossen wird. Der nördliche Schacht, der auch von der kleinen Königinnenkammer abgeht, wurde auch untersucht. Auch dieser Schacht endet vor einer Tür mit Kupferbeschlägen.“
René holte tief Luft und sah Professor Liebermann erwartungsvoll an. Dieser blickte lange und bedächtig zurück und wandte sich dann an Lucas. „Das klingt nach einem Fall für die Kakerlake“, sagte er leise, eher zu sich selbst und verließ kopfschüttelnd den Raum.
René und Lucas blieben sprachlos zurück.
Die Kakerlake, wie Lucas ihren Mikroroboter liebevoll getauft hatte, war ihr gemeinsames Forschungsprojekt, ein Versuchsträger für autonome, insektoide Mikroroboter. Professor Anton Liebermann, einer der führenden Forscher der USA im Bereich der Bionik und Inhaber des Lehrstuhls für Mikrorobotik an der Universität von Kalifornien in Berkeley, hatte Lucas und René damit beauftragt, die Bewegungsmuster von Käfern zu analysieren und darauf aufbauend kleine und dennoch sehr geländegängige Roboter zu konstruieren. Diese sollten irgendwann mal bei der Erkundung von eingestürzten Gebäuden und der Suche nach Verschütteten in Katastrophen- und Erdbebengebieten eingesetzt werden können.
René hatte in diesem Projekt die Mikromechatronik und die Programmierung der Bewegungsabläufe übernommen und Lucas kümmerte sich um Umgebungsanalyse und Pfadplanung.
Die Kakerlake war 3,6 Zentimeter lang und nur wenige Millimeter hoch. Die sechs leicht biegsamen Beinchen aus Kohlefaser, die aus dem zentralen schlauchförmigen Körper des kleinen Roboters herausragten, waren mit einer Beschichtung aus Mikrofasern versehen, die auf jedem Untergrund ausreichend Haftung boten. Die Beinchen konnten alle getrennt angesteuert und um zwei Achsen bewegt werden, wenn auch die Bewegung auf wenige Grad beschränkt war. Zusätzlich befand sich im vorderen Drittel des Körpers ein Zentralgelenk, sodass kleinere Hindernisse krabbelnd überwunden werden konnten.
„Das meint er doch nicht im Ernst?“, fragte Lucas, mehr um sich selbst davon zu überzeugen, dass es sich dabei um eine ganz schlechte Idee handelte.
René hingegen war bereits ganz aufgeregt. „Doch, doch.“ Die Idee hatte sich bereits in seinem Kopf festgesetzt, so als wäre sie schon immer da gewesen. „Komm, das machen wir. Das wird ein riesiger Spaß“, frohlockte er und bekam sich gar nicht mehr ein. „Wir werden berühmt werden.“
Lucas konnte Renés Enthusiasmus nicht teilen. Nichts da, sie werden uns erwischen, wie wir nicht genehmigte Untersuchungen durchführen und dann werden wir in irgendeinem ägyptischen Gefängnis verrotten. Als Computerspieler war er Abenteuern in der realen Welt eher weniger zugetan.
Aber René hatte nicht lockergelassen und Lucas immer und immer wieder bearbeitet. Schließlich hatte Lucas eingewilligt, in den folgenden Winter-semesterferien mit René und der Kakerlake im Gepäck nach Ägypten zu fliegen.
Im Moment bereute er dies zutiefst. Seine Muskeln im Rücken und in den Oberschenkeln schrien den Schmerz nur so heraus und der Schweiß lief in Strömen seinen Rücken herunter. Das weite, offene Hemd, das er heute Morgen frisch angezogen hatte, war schon vollständig durchnässt. Als Lucas endlich die letzten Schritte durch den horizontalen Gang kroch und sich vor ihm die Öffnung zur Königinnenkammer auftat, konnte er sein Glück kaum fassen.
Er schob sich durch die schmale Öffnung, atmete tief durch und brachte seinen massigen Körper wieder in eine aufrechte Position.
René war schon zur anderen Seite des gut fünf mal sechs Meter messenden und sechs Meter hohen Raums geeilt. Er stand verzückt vor der sich auf Schulterhöhe befindlichen Öffnung des südlichen Schachts, durch die Gantenbrink seinerzeit seinen Roboter Upuaut 2 nach oben geschickt hatte.
Lucas schlurfte müde und verspannt hinterher und sah sich um. Die Königinnenkammer, in der sie nun standen, war schmucklos und bis auf eine große Nische an der Ostseite mit glatten Kalksteinplatten ausgekleidet. In der Nische öffnete sich ein kleiner, nach wenigen Metern endender und ins rohe Gestein gehauener Gang. Neben René und Lucas befanden sich noch ein paar andere Besucher, wahrscheinlich einfache Touristen, im Raum.
Lucas beugte sich zu René und flüsterte: „Was machen wir jetzt?“
„Wir setzen sie aus“, antwortete René, ebenfalls im Flüsterton.
Die Kakerlake hatte sich seit dem abendlichen Gespräch mit Professor Liebermann enorm weiterentwickelt.
René war es gelungen, durch zeitlich exakt koordinierte Zuckungen der Beinchen dem Mikroroboter kleine Sprünge von wenigen Zentimetern zu ermöglichen, sowohl vorwärts wie auch nach oben. Auch konnte die Kakerlake mittlerweile nahezu senkrechte Flächen hochklettern, wenn diese rau genug waren. René hatte in zahllosen Versuchen eine Technik entwickelt, jeweils zwei Beinchen auf jeder Seite der Kakerlake paarweise gegeneinander zu verspannen. So krallten sich die Mikrofasern an den Enden der Beinchen in die Oberfläche und konnten das Gewicht der Kakerlake tragen.
Lucas hingegen hatte einen winzigen, aber sehr leistungsfähigen Mikrocomputer mit 16 GB Speicher in den Körper des kleinen Roboters integriert und darauf das neuronale Netz, sozusagen das Gehirn der Kakerlake, installiert. In vielen Stunden hatte er das neuronale Netz trainiert, zuerst in Simulationen am Computer und später in ihrem Labor in aufwendig konstruierten Gängen aus Pappe und Styropor.
Die Krönung war jedoch die Integration eines LiDARs am vorderen Ende, also am Kopf der Kakerlake. Es war ein glücklicher Zufall, dass sie im letzten Sommer auf die Arbeiten zu neuartigen und sehr kleinen Laserscannern aufmerksam geworden waren. Professor Watts und seinem Mitarbeiter Christopher Poulton war es am MIT gelungen, Photonenquelle und Detektor auf einem nur wenige Millimeter großen Chip aufzubauen. Die Reichweite, in der dieser Chip die Umgebung in Form der typischen Punktewolken dreidimensional scannen konnte, betrug zwar nur wenige Meter, aber das war für ihre Zwecke vollkommen ausreichend.
René holte die Kakerlake aus seiner Tasche und betätigte den Mikro-schalter für die Stromzufuhr. Dann setzte er den kleinen Roboter – genau darauf achtend, dass niemand sie beobachtete – so weit wie sein Arm reichte, in den Anfang des Schachts.
Lucas aktivierte auf seinem Smartphone über eine App das neuronale Netz des kleinen Roboters, gab den Befehl zum Aufstieg in den Schacht und die Kakerlake lief mit einer Geschwindigkeit von zwei Metern pro Minute los.
Wenn nichts schiefgeht, dachte Lucas, dann erreicht die Kakerlake in gut dreißig Minuten die Tür mit den beiden Kupferbeschlägen. Er hatte ihr antrainiert, durch das Loch in der Tür zu krabbeln, das während der zweiten Expedition in den Stein gebohrt worden war. Dann sollte sie den Raum dahinter erkunden, mit dem Laserscanner vermessen und wieder zum Einstieg des Schachts zurückkehren.
Wenn nichts schiefgeht, dachte Lucas ein weiteres Mal.
Die integrierte Batterie würde die Kakerlake für drei Stunden mit Strom versorgen. Bis dahin musste sie den Weg zurückgefunden haben.
René lehnte sich an die Wand und blickte fragend zu Lucas.
Lucas seufzte, holte eine Tüte Erdnüsse aus seiner Hosentasche und setzte sich hin. „Jetzt heißt es warten.“


Das Dilemma

Das vollkommene Chaos beherrschte den fensterlosen Raum, aber nur für das ungeübte Auge. Auf allen Tischen lagen Papierstapel und aufgeschlagene Bücher. Die unzähligen Whiteboards waren mit nahezu unleserlichen Formeln, Diagrammen und Symbolen vollgekritzelt. Einiges davon war oberflächlich ausgewischt und überschrieben worden, so als hätte jemand eilig Platz gesucht und sich nicht die Mühe machen wollen, das Board gründlich zu putzen. Oder vielleicht waren die verbleibenden Aufzeichnungen einfach zu wertvoll, um ausgewischt zu werden. Oder beides.
Mark saß an seinem Tisch und starrte schon seit Stunden bewegungslos auf seine drei großen Bildschirme.
„Hmm, das passt alles nicht zusammen“, sagte er bereits zum wiederholten Male. Die Unzufriedenheit in seiner Stimme war nicht zu überhören und er sprach laut, auch wenn er die Worte mehr an sich selbst als an die anderen Personen im Raum gerichtet hatte.
„Es muss ein Fehler vorliegen. Es muss einfach.“
Seine Teamkollegen ignorierten ihn. Nicht weil sie Mark nicht ernst nahmen, sondern weil sie ihn nicht stören wollten.
Sie kannten sein Verhalten gut; Mark war etwas auf der Spur.
Professor Mark Watson leitete seiner jungen Jahre zum Trotz – er war erst 34 Jahre alt – die Arbeitsgruppe Instrumentation, Surveys and Projects am renommierten Institut für Astronomie der altehrwürdigen Universität Cambridge. Früher hatten er und sein Team sich auf die Suche nach erdähnlichen Planeten in entfernten Sonnensystemen konzentriert, aber seit dem 19ten Januar 2016 befand sich die Welt der Astronomen in heller Aufregung. An diesem Tag hatten die Forscher Konstantin Batygin und Michael E. Brown des California Institute of Technology verkündet, dass weit außerhalb der Umlaufbahn von Neptun ein weiteres großes Objekt in unserem Sonnensystem existieren musste. Dieser hypothetische Planet, von der internationalen Forschergemeinde vorläufig schlicht Planet Neun genannt, wurde seitdem weltweit von vielen Teams gejagt.
Mark und sein Team hatten sich vor zwei Jahren ebenfalls dieser Aufgabe verschrieben. Das ärgerliche Problem mit Planet Neun war jedoch, dass ihn bis zu diesem Tag niemand direkt hatte beobachten können. Er war einfach zu weit da draußen, unerreichbar für das Sonnenlicht und daher mit optischen Teleskopen nicht zu entdecken.
Auch Batygin und Brown hatten den Nachweis nur auf Basis von Computeranalysen beobachteter Bahnanomalien einiger transneptunischer Himmelskörper und der äußeren Planeten des Sonnensystems erbracht. Diese Anomalien waren schon länger bekannt gewesen, konnten aber erst durch Batygin und Brown schlüssig durch die Anwesenheit eines großen Himmelskörpers am Rande unseres Sonnensystems erklärt werden. Dieser sollte nach den Berechnungen ungefähr über die 10-fache Erdmasse verfügen und die Sonne in einem Abstand von 1000 - 3000 AE , also dem maximal dreitausendfachen Abstand der Erde zur Sonne, umkreisen.
Marks Erstarrung löste sich und er legte seinen Kopf zuerst auf die linke und dann auf die rechte Schulter, wie um eine Verspannung in seinem Nacken zu lösen. Dann drehte er seinen Stuhl langsam nach links und schaute Anthony mit zusammengekniffenen Lippen lange und schweigend an.
„Es kann nicht sein, aber die Daten lassen keinen anderen Schluss zu“, sagte Mark leise und sah dabei Anthony konzentriert, ja fast beschwörend, direkt in die Augen.
„Was kann nicht sein?“, fragte Anthony. Er spürte, dass gerade etwas sehr Bedeutendes geschah.
Sie jagten Planet Neun bereits seit über zwei Jahren. Die einfachen Modelle von Batygin und Brown hatten es seinerzeit nicht erlaubt, die Position von Planet Neun auf seiner wahrscheinlich stark elliptischen Laufbahn genauer zu bestimmen. Mark und sein Team hatten sich daher darauf spezialisiert, ein präziseres mathematisches Modell zu erarbeiten, um anhand der Bahndaten der Planeten Neptun und Uranus sowie der kleineren transneptunischen Objekte eine exaktere Vorhersage der Position von Planet Neun zu ermöglichen. Wenn sie damit Erfolg haben würden, sollte es gelingen, das extrem lichtschwache Objekt mit einem optischen Teleskop erfolgreich zu lokalisieren.
Anthony zog seinen Rollstuhl rüber zu Mark und sah interessiert auf dessen Bildschirme. „Was kann nicht sein?“, wiederholte er noch mal, diesmal mit einem fragenden Seitenblick in Marks Richtung.
„Hier, das sind die Daten, die Batygin und Brown verwendet haben.“ Mark deutete mit einem Finger auf dem linken Bildschirm auf eine lange Zahlenkolonne. Unterhalb der Zahlen fanden sich eine Reihe von Formeln und daneben ein schematisches Diagramm der bisher vermuteten Umlauf-bahn des mysteriösen Objekts.

„Die Bahndaten von Uranus und Neptun, die sie ihren Modellen zugrunde gelegt haben, deuten auf diese Umlaufbahn hin.“ Mark schwang seinen Finger auf das Diagramm der Umlaufbahn und zog diese nach, ohne dabei den Bildschirm zu berühren. „Auch die Bahnschwankungen von Sedna, TG422 und VP113, den bekanntesten und größten der transneptunischen Objekte, waren zu diesem Zeitpunkt mit dem Modell von Batygin und Brown in Übereinstimmung. Das Simulationsmodell, das wir 2017 selbst entwickelt haben, bestätigt diese Umlaufbahn ebenfalls.“
Mark lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah Anthony durch-dringend an. „Wenn wir aber die Positionen zugrunde legen, die wir im letzten Monat am ESO aufgezeichnet haben und zusätzlich auch die neueren Bahndaten von FE72 mit einfließen lassen, dann…“
Mark machte eine kurze, bedeutungsschwangere Pause und senkte seine Stimme. „Dann stimmt nichts mehr.“
Mittlerweile hatten auch die anderen ihre Plätze verlassen, standen schweigend hinter Mark und Anthony und hörten gebannt zu.
„Ich habe die neueren Daten alle zusammengeführt und durch unsere Simulation laufen lassen.“ Wie zur Bestätigung deutete Mark auf den mittleren Bildschirm. Auch hier fanden sich lange Kolonnen winziger Zahlen und eine Menge Formeln. Das skizzierte Bahndiagramm auf der rechten Seite sah aber gänzlich anders aus.
„Wenn wir mal davon ausgehen – und ich denke, das können wir – dass die Mechanik der Himmelskörper sich in den letzten zwei Jahren nicht geändert hat, dann bleiben am Ende nur zwei Möglichkeiten zur Lösung der Gleichungen und beide sind“ – auch an dieser Stelle machte Mark eine kurze Pause – „extrem unwahrscheinlich.“
Während er noch sprach, sprang Mark auf und ging zum großen Whiteboard an der Stirnseite des Raums. Ohne darauf zu achten, was er wegwischte, zog er ein Tuch in schnellen, abgehackten Bewegungen über das Board, um Platz zu schaffen. Mit sicherer, geübter Hand zeichnete er die bisher angenommene Umlaufbahn für Planet Neun auf das Whiteboard.
„Wenn wir also weiterhin der Hypothese von Batygin und Brown folgen, dass die Bahn von Planet Neun weit außerhalb der Bahn von Uranus verläuft, dann lassen sich die Gleichungen mit den neueren Daten der Bahnanomalien von Sedna und FE72 nur lösen, wenn wir die Masse von Planet Neun erhöhen, und zwar auf ziemlich genau drei Jupitermassen.“
Mark blickte erwartungsvoll in die Runde. Fast alle schüttelten erstaunt und ungläubig den Kopf.
„Wie das?“, platzte Freya, die einzige Frau im Team, heraus. „Bei dieser Masse müsste Planet Neun riesig sein und wir hätten ihn längst entdeckt.“
Mark hätte gerne mehr weibliche Mitglieder in seinem Team gehabt, insbesondere, wenn sie so attraktiv waren wie Freya. Das war in seinem Fachgebiet aber eine Seltenheit, wie er nur zu gut wusste.
„Das ist wohl wahr, aber es gibt noch eine zweite Möglichkeit“, postulierte Mark leise und zeichnete ein weiteres Bahndiagramm.

„Wenn wir annehmen, dass die Masse von Planet Neun im Bereich von einigen wenigen Erdmassen liegt, dann ist eine Lösung der Gleichungen auch möglich, wenn Planet Neun auf einer kometenartigen Bahn um die Sonne läuft. Seine Bahn würde dann die Laufbahn der Erde schneiden.“ Mark hielt kurz inne und fuhr dann noch eindringlicher fort. „Und nach den vorliegenden Daten müsste sich Planet Neun bereits zwischen Saturn und Jupiter auf dem Weg zur Sonne befinden. Dann wäre er aber ebenfalls bereits zu sehen.“
Mark ließ seinen Blick noch einen Moment lang auf den Diagrammen ruhen. Dann seufzte er und wandte sich um.
„Wir haben hier ein echtes Dilemma“, schloss er nachdenklich und sah die anderen an. Niemand sagte etwas.
„Machen wir uns an die Arbeit“, hauchte er in die Stille.



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