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Buchvorstellung "Alpensternküsse"
Geschrieben von  Mandy Schur Mandy Schur Geschrieben,  15-09-2017 22:10 15-09-2017 22:10 150  Gelesen 150 Gelesen
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"Alpensternküsse" Ein humorvoller Liebesroman von Sandra Pulletz.



Wie unfair! Paula soll ihrer Tante in den Tiroler Alpen helfen, während ihre Eltern eine Kreuzfahrt machen. Doch Paula hat einen weiteren Grund, auf der Berghütte auszuharren: Wenn sie eine Homestory über den ortsansässigen Serienstar ergattert, darf sie auf eine Beförderung beim Stadtmagazin hoffen.
Aber nichts scheint so einfach, wie zunächst gedacht. Eine Alpenkatastrophe jagt die nächste, Paula erliegt dem Charme des Stars, während Bergführer Jockl trotz seiner Abneigung der Städterin aus so mancher Klemme hilft. Als dann noch die Almresi mit ihren hautengen kurzen Hosen auftaucht, brennen nicht nur bei Paula die Sicherungen durch …



Leseprobe:



1.

Paula warf schwungvoll die Autotür des Taxis zu und stöckelte auf ihren nagelneuen Sandalen die Auffahrt zu ihrem Elternhaus entlang.
Keine zwei Sekunden, nachdem sie geklingelt hatte, öffnete ihr Vater Ralf die Haustür. Es war, als hätte er bereits auf sie gewartet. Freudestrahlend blickte er seine Tochter an und umarmte sie dann herzlich. »Paula, Liebes! Es ist so schön, dass du da bist!«
Paula ließ sich drücken, wenngleich sie erstaunt über Vaters gute Laune war. »Ist etwas passiert?« Sie drückte sich leicht von ihm weg. »Du bist ja so fröhlich!«
»Ist das etwa ein Vorwurf?«, wollte Ralf wissen und kniff seinen Mund gespielt beleidigt zusammen. »Darf man nicht mehr ausgelassen und bestens aufgelegt sein?«
»Doch … natürlich«, erwiderte Paula. »Das ist nur ein ungewöhnlicher Empfang heute.« Ansonsten dauerte es immer eine Ewigkeit, bis ihr Vater zur Tür schlurfte und diese mit gleichgültigem Blick öffnete.
»Herein mit dir!« Paulas Vater schwang keck den Arm durch die Luft.
Paula nahm diese Geste als eine Einladung wahr und trat stirnrunzelnd ein. Sie ging direkt in das Wohnzimmer, ohne sich die roséfarbenen Peeptoes von den Füßen zu streifen.
»Hallo, Engelchen!«, wurde sie von ihrer Mutter Eleonore begrüßt. Diese stolzierte gerade mit einem Tablett in den Raum, auf dem drei gefüllte Sektgläser standen.
Jetzt wurde Paula eindeutig klar, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Zuhause hatte es noch nie mittags Sekt gegeben. Eleonore stellte die Gläser auf den Couchtisch und hauchte Paula ein Küsschen auf die Wange.
»Was ist los?«, wollte Paula nun endlich wissen.
»Wir haben tolle Nachrichten, Engelchen!« Eleonore bekam glitzernde Augen.
»Was denn? Einen Lottosechser?«, erwiderte Paula ironisch. Nach den Reaktionen ihrer Eltern zu urteilen, lag sie vielleicht gar nicht so falsch. Ihr Vater setzte ein Strahlen auf, das von einem Ohr zum anderen reichte und ihre Mutter wischte sich tatsächlich eine Träne aus dem Augenwinkel.
»Sozusagen«, antwortete Ralf amüsiert.
»Nun lasst euch doch nicht alles aus der Nase ziehen!«, rief Paula ungeduldig.
»Geduld ist eine Tugend!«, mahnte ihre Mutter.
»Also gut«, murmelte Paula und setzte sich auf das Sofa. Sie schnappte sich ein Glas von dem Tablett. »Wir sollten wenigstens schon mal anstoßen«, meinte sie. »Auch wenn ihr mir den Grund anscheinend nicht verraten wollt. Aber Sekt sollte man eiskalt genießen. Wenn wir noch länger warten, wird er zu einer lauwarmen Brühe!«
Der spitze Blick ihrer Mutter entging Paula nicht, jedoch hatte sie keinen Nerv für ewiges Rätselraten und Herumsitzen.
»Wir haben eine Kreuzfahrt gewonnen«, rückte Ralf schließlich mit der Sprache heraus.
»Ach ja?« Paula blickte gespannt von ihrem Vater zu ihrer Mutter. Beiden stand die Freude ins Gesicht geschrieben. Kurzerhand schnappte Eleonore die restlichen zwei Sektgläser, drückte ihrem Mann eines in die Hand und stieß mit ihren Liebsten auf den bevorstehenden Urlaub an.
»Du sagst ja gar nichts«, meinte ihre Mutter beinahe beleidigt.
»Ich freue mich natürlich für euch«, sagte Paula rasch. »Ihr habt euch die Auszeit mehr als verdient!«
Ihr Vater zwinkerte ihrer Mutter auffordernd zu. Dann leerte er das Glas in ein paar Zügen, was Paula wiederum verunsicherte. »Ist sonst noch etwas?«
»Wo du uns darauf ansprichst …«, begann Eleonore zögernd. »Du kannst dich doch sicher an Tante Franziska erinnern?«
Paula dachte kurz nach, schüttelte dann jedoch den Kopf.
»Sie wohnt in einer Hütte«, half Ralf ihr auf die Sprünge. »Mitten in den Bergen.«
»Ach ja, ich weiß schon …« Tatsächlich fiel Paula ein, dass es vor einigen Jahren, als ihre Oma noch lebte, einen Riesenstreit in ihrer Familie gegeben hatte. Tante Franziska litt angeblich unter einem Burn-out und wollte in den Bergen ein neues Leben anfangen. Oma reagierte darauf ziemlich verständnislos. Für sie war ein Burn-out eine Ausrede unserer Gesellschaft, sich vor den unangenehmen Dingen des Lebens zu drücken. Immerhin arbeitete Tante Franziska bei einer Bank. Ein angemessener Job, wie Oma gefunden hatte. Eine Hütte in den Bergen hingegen war in ihren Augen ein absoluter Rückschritt. Doch Tante Franziska hatte sich nichts sagen lassen und war daraufhin verschwunden. Der Kontakt zum Rest der Familie war regelrecht abgebrochen worden. Bis auf ein paar Briefe und hin und wieder einen Telefonanruf herrschte Stille.
»Was ist mit Tante Franziska?«, fragte Paula neugierig.
»Die Sache ist die …«, druckste ihr Vater herum. »Sie wohnt auf einer abgelegenen Almhütte.«
»Und?« Paula nahm einen großen Schluck von ihrem perlenden Getränk.
»Sie hat sich irgendwie die Schulter verletzt …«, ergänzte er langsam.
Plötzlich wurde Paula unruhig. Sie rutschte auf dem Sofa hin und her.
»Eigentlich wäre dein Vater zu ihr gefahren«, mischte sich nun auch Eleonore ein. »Doch jetzt haben wir ja diese Kreuzfahrt gewonnen …«
Paula ahnte bereits, wo dieses Gespräch hinführen würde. Ihr Herz begann schneller zu klopfen. »Ihr denkt hoffentlich nicht, ich würde zu Tante Franziska fahren?«
Verlegen blickte ihr Vater zu Boden, während ihre Mutter sie mit ernster Miene ansah. »Genau so ist es«, sagte sie. »Du schuldest uns ohnehin noch einen Gefallen.«
Paula rollte die Augen. »Nicht schon wieder dieser alte Hut!« Nur, weil ihre Eltern Paulas Studium finanziert hatten! Was hatte sie auch Germanistik in Kombi mit Medienwissenschaften auswählen müssen? Ein Studium, das ihr Vater ihr eingeredet hatte. Laut ihm hatte man mit diesem Abschluss große Karrierechancen. Dabei wollte sie eigentlich Designerin werden. Paula liebte es, Outfits zu entwerfen und nähte gerne. Nur hatte sie bis jetzt keine Idee und vor allem null Zeit für die Umsetzung ihres Traumberufes, denn ihr Job verlangte ihr die ganze Kreativität ab.
»Außerdem hast du ohnehin Zeit!«, fügte ihre Mutter in ernstem Tonfall hinzu.
»So kannst du das doch nicht sagen …«, setzte Paula zu ihrer Verteidigung an. Sie war mit ihrem Job komplett ausgelastet.
»Aber du arbeitest doch als Journalistin, oder?«, mischte sich nun wieder ihr Vater ein.
»Das schon …« Paula fühlte sich überrollt. Klar durfte sie sich ihre Arbeitszeiten im Prinzip selbst einteilen. Wenn sie wollte, konnte sie sogar nachts oder am Wochenende arbeiten. Hauptsache, die verlangten Artikel waren zu den vereinbarten Terminen fertig. Wo sie arbeitete, blieb ihr normalerweise selbst überlassen. Das war allerdings nicht immer so, manchmal schickte ihre Chefin sie auch an bestimmte Orte, um zu recherchieren.
»Du wirst wohl kaum verlangen, dass wir unsere Kreuzfahrt absagen?« Eleonore starrte sie mit durchdringendem Blick an.
»Natürlich nicht«, begann Paula. »Aber … Gibt es niemanden sonst, der …«
»Nein!« Die Mutter schnitt ihr das Wort ab. »Sonstige Verwandte sind unzumutbar! Und aus!«
»Das ist eine tolle Möglichkeit, deine Tante mal besser kennenzulernen«, versuchte ihr Vater die gekippte Situation zu retten.
»So kann man es auch sehen …«, antwortete Paula resigniert. Andererseits konnte Tante Franziska doch auf einen Stadtbesuch kommen, fand sie. Wenn sie ohnehin Hilfe brauchte …
»Also?« Eleonore musterte sie prüfend.
»Okay, ich werde zu Tante Franziska fahren.« Paula setzte ein schiefes Lächeln auf. »Zuerst muss ich aber in die Redaktion und das mit meiner Chefin absprechen!«
»Prima, das wird ja wohl klappen«, meinte Paulas Mutter besänftigt. »Und sonst machst du eben mal Ferien!«
Paula nickte zwar, dachte jedoch, dass sie ganz bestimmt keinen wertvollen Urlaub nehmen würde, nur um dann bei ihrer Tante auszuhelfen.
»Vielleicht kleidest du dich vorher noch passend für die Berge ein?« Ihre Mutter warf einen Seitenblick auf Paulas hochhackige Schuhe.
»Du sagst doch dauernd, ich soll sparen«, beklagte sich Paula, die bei bestem Willen nicht daran dachte, Geld für ein paar einfache Kleidungsstücke auszugeben. Sie sparte ihr Gehalt immer für wenig, dafür aber teure Markenware. Oder für flippige Designerteile, die ab und zu auch aus dem Secondhandshop stammten.
Paulas Vater seufzte, erhob sich und marschierte zur Garderobe. Sie wusste, dass er dort seine Geldbörse aufbewahrte. Tatsächlich zog er zwei grüne Scheine aus dem Portemonnaie, als er zurückkam. »Hier, kauf dir einen warmen Pulli und vielleicht noch eine Regenjacke! In den Bergen kann es schnell abkühlen!«
Dankend nahm Paula das Geld an und steckte es rasch in ihre Tasche, die farblich hervorragend mit ihren Peeptoes harmonierte.
»Wanderschuhe könnten auch nicht schaden«, fügte Paulas Mutter wohl wissend hinzu.
»Ja, danke für deinen Rat, Mama«, bemerkte Paula, rollte aber mit den Augen, sobald ihre Mutter wegsah. Was sollte sie denn mit popeligen Wanderschuhen? Igitt!
Paula verabschiedete sich bald, jedoch nicht, ohne die Adresse von Tante Franziska eingesteckt zu haben, und mit tausend Versprechungen, die sie ablegen musste. Ja, sie versprach, auf sich aufzupassen, auf Tante Franziska Rücksicht zu nehmen, ordentlich anzupacken und vieles mehr.

Paula ging sofort ins Büro. Sie musste dringend mit ihrer Chefin Ulrike sprechen, denn sie sollte bereits am nächsten Tag mit dem Zug nach Tirol fahren. Wenn das mit der Genehmigung ihrer Chefin nicht klappte, hätte sie ein Problem. Schnell schlüpfte sie in die Toilettenräume und warf einen Kontrollblick in den Spiegel. Wie üblich hatte sich die eine oder andere Strähne aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst, die Paula bei der Affenhitze meist trug. Dennoch war ihr heiß. Kurzerhand tränkte sie ein Einmalhandtuch mit kaltem Wasser und wischte sich über Nacken und Hals. Das tat gut.
Dann zückte sie ihr pinkes Lieblings-Lipgloss aus der Handtasche und betupfte damit ihre Lippen. Fertig! Zufrieden betrachtete sie sich von allen Seiten im Spiegel und zupfte an ihrer engen, lichtblauen Bluse, die perfekt mit ihrer Augenfarbe harmonierte. Die paar dunkelblonden Strähnen, die sich gelöst hatten, steckte sie wieder hoch, und befand schließlich, dass sie Weltklasse aussah. Gleich würde sie ihrer Vorgesetzten unter die Augen treten und selbstbewusst erklären, dass sie ein paar Tage oder womöglich sogar Wochen im Home-Office arbeiten würde. Normalerweise sollte das kein Problem darstellen, solange sie ihre Texte pünktlich ablieferte.

2.

»Du kannst jetzt nicht einfach Urlaub nehmen!«, fauchte Paulas Chefin.
»Ich brauche ja auch keinen Urlaub …«, meinte Paula kleinlaut.
»Was dann?« Ulrike schnappte nach Luft. »Du platzt hier ohne Termin rein und faselst etwas von familiärem Notfall und Wegfahren.«
»Ich arbeite ohnehin meist im Home-Office …«, fügte Paula schüchtern hinzu. »Da ist ein Ortswechsel doch eigentlich egal, habe ich mir gedacht.«
»Was du nicht alles denkst!« Ulrike durchbohrte sie mit ihrem eiskalten Blick. »Kaum wird es Sommer, meint jeder meiner Angestellten, Urlaub zu brauchen oder unter blauem Himmel arbeiten zu müssen!«
»Im Prinzip ändert sich doch nichts … Also in meinem Fall …« Paulas Stimme wurde leiser. Sie hatte großen Respekt vor ihrer Chefin.
»Bla bla und quak quak. Das sagte jeder, der mich in den letzten Tagen um Extraurlaub angebettelt hat.« Ulrike funkelte sie mit wütenden Augen an. »An mich denkt natürlich niemand! Als ob ich es nicht nötig hätte, mal aus diesem Irrenhaus rauszukommen«, schimpfte sie. »Aber einer muss nun mal die Stellung halten!«
Paula erwiderte nichts darauf. Sie wusste, wann es am besten war, zu schweigen. Denn ihre Chefin tat immer so, als würde sie selbst die Monsterleistung in der Firma ablegen. - In Wirklichkeit plusterte sie sich wegen jedem Wölkchen auf, bis es zu einem Orkan mutierte.
In Paulas Stirn machte sich ein Druck bemerkbar. Sie durfte sich nicht weiter aufregen, sonst würde sie noch einen Migräneanfall erleiden! Sie schloss ihre Augen und atmete tief ein und aus.
»Wo soll es überhaupt hingehen?«, fragte Ulrike.
»In die Alpen … in der Nähe von Innsbruck«, antwortete Paula. »Ich muss meiner Tante auf der Alm helfen.«
Ulrike grunzte. »Beim Kühemelken?«
»So ähnlich. Sie hat eine Almhütte und ist verletzt.« Paula hoffte inständig, dass sie keine Tiere pflegen musste. Sie wusste nicht, ob ihre Tante einen Bauernhof besaß oder nicht.
»Das klingt aber nach Urlaub.« Ihre Chefin kniff die Lippen zusammen.
»Bestimmt nicht. Außerdem habe ich dort ausreichend Zeit, um ein paar neue Artikel zu verfassen. Falls du zufällig etwas über Mode hast …« Paula hoffte jedes Mal, dass ihre Chefin ihr das Okay gab, einen Text über angesagte Designer zu schreiben. Die Zeitschrift Grand Grazia beschäftigte sich mit Trends, berühmten Persönlichkeiten und sonstigen interessant erscheinenden Dingen. Allerdings hatte das Magazin keinen großen Erfolg, und deshalb war auch Paulas Gehalt nicht allzu großzügig.
»In München gibt es doch diesen Jungdesigner, der gerade in aller Munde ist.« Paula lächelte hoffnungsvoll. »Ich bin gut im Recherchieren.«
»Ein anderes Mal vielleicht.« Ulrikes Augen flackerten für einen Augenblick auf. »Wo fährst du hin, hast du gesagt? Innsbruck?«, murmelte sie plötzlich, eher zu sich selbst.
Hastig tippte sie auf ihrer Tastatur und blickte dann gespannt auf den Bildschirm vor ihr.
»Du bekommst unter einer Bedingung frei«, erklärte Ulrike dann gelassen. Sie lehnte sich in ihrem Drehstuhl nach hinten und drehte spielerisch ihren Kugelschreiber zwischen den Fingern um dessen Achse. Ihr Blick schwenkte vom Computerbildschirm zu Paula. Ulrike sah sie mit einem teuflischen Grinsen an. »Du bringst mir eine Titelstory!«
Paulas Kehle schnürte sich zu. Sie bekam kaum noch Luft. »Eine Titelstory? Ich? Wirklich?«, krächzte sie aufgeregt. Panik und Freude erfassten sie zugleich. Bis jetzt hatte sie nur unwichtige Artikel verfassen dürfen. Die Titelstory wäre ein ganz anderer Brocken, schließlich stach die Titelseite jedem sofort ins Auge. Das wäre die Chance, endlich beruflich voranzukommen!
»Ja, du hast schon richtig gehört«, schnurrte Ulrike. »Aber es muss was echt Tolles sein, etwas Besonderes!«
»Ich … ich werde bestimmt das Passende finden …«, stotterte Paula, die ihr Glück nicht fassen konnte.
»Und ob du das wirst!« Ulrike lächelte triumphierend. »Du wirst mir nämlich eine Homestory über Tobias Manzaretti liefern. Der wohnt in der Nähe von Innsbruck. Im Stubaital!«
»W-was?« Paula dachte, sie hätte sich verhört. »Tobias Manzaretti, der Serienstar?«
»Genau der!« Ihre Chefin nickte und scheuchte Paula gleich darauf aus ihrem Büro. »Wenn du deinen Auftrag gut hinbekommst, wirst du befördert. Darauf wartest du doch schon ewig, oder?«
Artig nickte Paula. In der Tat würde sie gerne interessantere Aufträge bekommen. Diese Homestory war ihre große Chance! Ihre Fingerspitzen kribbelten bereits vor Aufregung.
»Auf, auf! Und dass du mir ja nicht ohne grandiose Story wieder auftauchst! Sonst …« Sie machte mit ihrer flachen Hand eine schnelle Bewegung über ihre Kehle und stierte Paula an.
»Sonst … werde … ich gefeuert?« Paulas Mund wurde trocken. »Dein Ernst?«
Ulrike schob sich ihre runde Eulenbrille höher auf die Nase und grinste Paula dabei an. »Habe ich je Scherze gemacht?«
Paula runzelte die Stirn. Nein, ihre Chefin war keine gutgelaunte Frohnatur, die gerne mal einen Witz machte, sondern besaß ein Gemüt, das man eher als cholerisch beschreiben konnte.
Sie erhob sich aus dem Stuhl, verabschiedete sich und verließ das Büro. Vor dem Eingang schnaufte sie erstmal durch. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen?

3.

»Was soll das heißen, du fährst weg?« Marco schnappte entsetzt nach Luft. Paula hatte sich kurze Zeit nach dem Gespräch mit ihrer Chefin mit ihrem besten Freund in einem Gastgarten in der Innenstadt getroffen und ihm gerade schonend beigebracht, dass sie den Sommer über nicht in der Stadt sein würde.
»Lässt deinen allerliebsten Kumpel alleine. Schäm dich!«
Paula setzte einen entschuldigenden Blick auf. »Sorry, hat sich so ergeben, und wild bin ich gar nicht darauf!«
»Das kann ja jeder behaupten!« Marco kniff die Lippen zu einem Strich zusammen.
Paula kannte ihn nur zu gut, deshalb wusste sie, dass er nicht wirklich so eingeschnappt war, wie er tat. Er war eben ein guter Schauspieler.
»Außerdem muss ich dort arbeiten!«, fügte Paula hinzu.
»Selbst schuld, wenn du mitten in die größte Einöde fährst!« Marco streckte ihr frech die Zunge heraus.
»Haha!«, erwiderte Paula und hob ihm ihren Aperol-Spritz entgegen. »Na dann, Prost!«
»Cheers! Auf einen schönen Sommer«, kommentierte Marco und zwinkerte Paula zu. »Ohne mich.«
Die Gläser klirrten leise und beide tranken einen Schluck.
»Bin froh, aus dieser Affenhitze rauszukommen!« Paula lehnte sich gemütlich in dem Stuhl zurück und beobachtete die Menschen um sie herum. »Und diese schwitzenden halbnackten Leute werden mir auch nicht fehlen.«
»Ach was, gefallen dir etwa keine Riesenschweißflecken an T-Shirts? Oder Chicas im Bikini in der Stadt?« Marco deutete mit seinem Kopf nach links. Ein paar Meter neben ihnen, direkt auf dem Platz, lagen drei Mädels rund um den Springbrunnen herum und sonnten sich. Dabei trugen sie tatsächlich nur ein Bikinioberteil und knappe Shorts dazu.
»Schrecklich! Und sowas läuft mitten in der Großstadt herum«, brummte Paula, die immerzu sehr bedacht darauf war, sich modisch zu kleiden.
»Wieso kann nicht jeder ein wenig Modebewusstsein an den Tag legen? Wenigstens gehst du immer top gestylt außer Haus.« Sie betrachtete ihren Kumpel, der sogar bei den heißen Sommertemperaturen eine lange Hose und ein gepflegtes Hemd trug.
»Auf jeden Fall! Ich hasse Herrenbeine in kurzen Hosen und Flipflops dazu.« Er tat, als müsse er würgen. »Na dann bin ich mal gespannt, was du so von den Menschen auf der Alm berichten wirst. XL-Strümpfe und Knickerbockerhosen!«
Paula hatte daran noch gar nicht gedacht. Aber was sollte es schon. Mit ihrer Tante auf der Alm, abgeschieden vom Rest der Welt, würde sie ohnehin kaum Kontakt zur Außenwelt haben.
»Apropos Outfit! Mein Dad hat mir vorhin etwas Geld zugesteckt. Für adäquate Kleidung, wie er meinte.«
Marco hob die Augenbrauen. »Na dann müssen wir die Kohle glatt noch auf den Putz hauen!«
Paula grinste. »Sehr wohl!«
Nach dem Erfrischungsgetränk machten sie sich auf den Weg zu Paulas Lieblingsladen. Fette Beats dröhnten ihnen entgegen und sie stöberten begeistert zwischen schicken Outlet-Kleidern, gewagten Tops und sexy Hot Pants. Denn obwohl es gerade Hochsommer war, gab es bereits den ersten Summer-Sale. Da musste Paula einfach zuschlagen; sie konnte gar nicht anders. Marco war ein äußerst guter Berater, und sie liebte es, mit ihm einkaufen zu gehen. Er war es aber auch, der sie an die Alpen erinnerte und daran, dass Paula nichts Passendes anzuziehen hatte. Nicht unbedingt erfreut suchte sie aber tatsächlich nach einem Pulli und wurde bald fündig. Strickoptik, schneeweiß, angenehm zu tragen. Den könnte sie ja im Herbst im Büro anziehen.
An der Kasse musste sie feststellen, dass sie sich mal wieder verschätzt hatte. Im Kalkulieren war Paula grottenschlecht. Egal, ob es sich dabei um zu kochende Spaghetti, die Zeit für einen Artikel oder Geldausgaben handelte.
Fast das gesamte zugesteckte Geld von ihrem Vater ging drauf.
Unruhig verließ Paula den Laden. Marco stolzierte ihr hinterher.
»Was ist los?«, wollte ihr Begleiter wissen. Er kannte Paula inzwischen schon viele Jahre und wusste, wenn mit ihr etwas nicht in Ordnung war.
»Ich brauche noch dringend feste Treter …«, antwortete sie mit schlechtem Gewissen. Paula ahnte, dass sie gute Schuhe niemals für ihr kleines Budget bekommen würde. Schweigend marschierten sie in Richtung des nächstbesten Schuhgeschäftes. Dort probierte Paula ein Paar Wanderschuhe nach dem anderen an. Jedoch konnte sie mit diesen klobigen Dingern einfach nichts anfangen. Ein Blick auf den Preis ließ sie ohnehin erstarren.
Kurzentschlossen kaufte Paula einen simplen Turnschuh. Das musste fürs Erste reichen. Toll, alles erledigt zu haben! An der Kassa entdecke sie noch Sonnenbrillen im Sonderangebot. Dafür gab sie ihren allerletzten Cent aus.
Marco fuhr Paula in seinem blauen Mini Cooper nach Hause. »Auf jeden Fall hast du ein paar schicke Teile erstanden, die diesen Manzaretti wohl beeindrucken werden!«
»Ich hoffe es sehr, denn ich brauche dringend die Homestory! Sonst kann ich meinen Aufstieg auf der Karriereleiter vergessen.«
»Das kriegst du schon hin!« Er lächelte sie aufmunternd an. »Ich glaube fest an dich.«
»Wenn du nicht wärst …«, flötete sie und warf ihrem besten Freund einen dankbaren Blick zu. Mit seiner Pilotenbrille sah er verdammt cool aus.
Keine zwei Minuten später waren sie vor Paulas Wohnhaus angelangt, wo sie sich voneinander verabschiedeten.
»Melde dich mal«, meinte er.
»Klar doch«, erwiderte sie frohen Mutes.
»Nicht, dass du mir untreu wirst und mit einem Mountainman abzischst.« Er zwinkerte Paula zu.
»Quatsch, du Doofi! Du bist doch mein allerliebster Kumpel!« Sie umarmten sich ein letztes Mal, dann ging Paula nach oben in ihre winzige Wohnung und suchte einen Koffer.
Nachdem sie alles sorgfältig gepackt hatte, surfte sie im Netz nach Tobias Manzaretti. Sie wollte so viele Einzelheiten wie möglich über ihn erfahren. Das würde ihr bei der Homestory behilflich sein. Außerdem wusste sie noch nicht mal, wie sie ihn dazu bringen sollte, ihr einen Einblick in sein Zuhause zu gewähren.
Zunächst wurden ihre Knie weich, denn sie war auf die Bilder-Ansicht von dem Serienstar gegangen. Zwar hatte sie einige Folgen der Krimiserie, in der er mitspielte, gesehen, aber dass er auf den Fotos so heiß aussah, damit hatte sie nicht gerechnet. Ihre Hand zitterte leicht, als sie mit der Maus von Bild zu Bild klickte. Wie konnte ein Mann nur so verführerisch wirken? Aus seinem markanten Gesicht stachen die eisblauen Augen hervor. Dunkle Locken umrahmten seine Züge. Ein prickelnder Schauer rieselte Paula über den Rücken. Sie war völlig gefesselt. Sofort suchte sie im Netz nach Informationen darüber, ob Tobias Manzaretti eine Freundin hatte. Sie fand mehrere aktuelle Schlagzeilen, die über Ärger mit seiner Ex berichteten. Laut Suchmaschine war er also Single. Paula schmunzelte. Sie nahm sich fest vor, diesen Stern am Promihimmel zu erobern, wenn sie schon die Chance dazu bekam. Vielleicht hatte sie ja endlich mal Glück in der Liebe? Sie war nun schon viel zu lange alleine. Die meisten Männer waren doch bloß irgendwelche Idioten, die eine Putzfrau wollten und dass man ihnen jeden Wunsch von den Augen ablas. Aber dieser Schnuckel, den Paula gerade am Bildschirm anhimmelte, der strahlte das gewisse Etwas aus. Paula war sich sicher: Tobias Manzaretti war nicht so wie die anderen Kerle!

4.

Der Wecker klingelte bei Sonnenaufgang. Paula erhob sich schwerfällig aus dem Bett. Sie musste sich beeilen, denn ihr Zug fuhr bald. Zunächst saß sie allein im Zugabteil. Eine Weile vertrieb sie sich die Zeit mit der Planung eines Artikels für die Zeitschrift. Irgendwann wurde sie aber so müde, dass sie ihre Notizen wegpackte und ein wenig döste.
Mit einem Mal drang eine Stimme an ihr Ohr. »Hallo? Sind Sie wach?«
»Lassen Sie mich in Ruhe«, murrte Paula im Halbschlaf. »Setzen Sie sich, wohin Sie wollen. Hier ist genug Platz …«
»Ich denke, Sie müssen in Innsbruck aussteigen?«, fragte die männliche Stimme freundlich.
»Ja, und bis dahin möchte ich schlafen.« Paula stöhnte. Wieso wurde ihr bloß keine Pause vergönnt?
Es folgte ein Räuspern. »Wir stehen bereits auf dem Hauptbahnhof in Innsbruck. Wenn Sie sich nicht beeilen, fährt der Zug mit Ihnen weiter.«
Mit einem Schlag war Paula putzmunter. »Ist das ein Scherz?«
Zugleich wurde ihr klar, dass es keiner war. Denn in der Schiebetür stand der Schaffner und schaute sie abwartend an. Ein Blick aus dem Fenster verriet ihr, dass sie wirklich schon am Ziel angekommen war. Eine blaue Tafel mit der Aufschrift »Innsbruck« war zu sehen.
Paula sprang aus dem Sitz hoch, hievte ihr Gepäck von der Ablage herunter und eilte aus dem Zug. Dem Schaffner rief sie im Vorbeigehen noch einen Dank und Gruß zu.
Wenig später stand sie mitten auf dem Bahnsteig und war wie benebelt. Die Luft war heiß und stickig. Sie bekam nur schwer Luft. Und nun? Sie hatte von zuhause telefonisch einen Chauffeur bestellt, der sie vom Bahnhof abholen und auf den Berg fahren würde. Nur konnte sie diesen Herrn Sepp nirgends entdecken. Paula schnaufte durch, zog ihren Koffer hinter sich her und durchquerte die Bahnhofshalle, bis sie nach draußen gelangte. Hier stellte sie sich an die Wand des Bahnhofsgebäudes und betrachtete die Umgebung. Sie staunte, denn sie war umringt von Bergen. Zu ihrer linken Seite befand sich die Bergisel-Schanze. Diese berühmte Sprungschanze kannte vermutlich jeder, der gerne Skispringen im Fernsehen sah. Paula fand es überwältigend, so dicht daneben zu stehen. Beinahe hatte sie das Gefühl, die Schanze reiche bis in die Stadt.
»Griaß di! Du muascht des Madal sein, desch i auf die Hüttn führa soll! I bin da Sepp.« Ein älterer Herr um die fünfzig mit Schnauzer und grauem Haar sprach Paula an. Zunächst war sie sich nicht sicher, ob er tatsächlich sie meinte. Doch der Mann blieb direkt vor ihr stehen und wartete auf eine Reaktion.
»Meinen Sie mich?«, wollte Paula sichergehen.
»I denk scho!« Der Kerl lachte. »Oder willscht nit auf den Berg auffi?«
Paula blinzelte. Sie verstand den groben Dialekt ihres Gegenübers kaum. »Ich muss zur Alpensternhütte.«
»Jo, genau. Dann kimm!« Er deutete ihr, ihm zu folgen und schlug den Weg zu einem Parkplatz ein. Der Mann mit dem grauen Filzhut, an dem ein Edelweiß steckte, steuerte direkt auf einen olivgrünen Jeep zu. Paula hatte Mühe, ihm hinterherzukommen. Sie trug zwar ausnahmsweise keine hohen Hacken, sondern süße Wildlederpumps, das Tempo, das der Fahrer draufhatte, war jedoch nichts für untrainierte Damen wie sie. Längst war er beim Wagen angelangt und hatte den Kofferraum geöffnet. Paula hievte das schwere Teil hoch, aber der grauhaarige Kerl griff ihr unter die Arme und verfrachtete das Gepäckstück sicher hinein. Nun konnte die Fahrt losgehen. Zunächst mussten sie durch die Stadt. Paula betrachtete die Häuser und Straßen, die an ihr vorbeizogen. Sah gar nicht so anders aus als zuhause. Doch kaum waren sie aus der Innenstadt draußen, wandelte sich die Landschaft.
Sie blieben auf der Landstraße und durchquerten einige Dörfer. Schließlich erreichten sie den Fuß eines Berges und folgten der Straße, die sich immer weiter nach oben schlängelte.
Paula blickte konsterniert durch die Frontscheibe des Jeeps. So einen Ausblick hatte sie nicht erwartet. Imposante Gipfel, Wälder und Felder umringten sie.
»Hiaz samma glei do«, unterbrach Herr Sepp ihre Gedanken.
Ihr Chauffeur fuhr auf dem kurvigen Weg so schnell, dass es Paula nicht nur schwindelig, sondern auch übel wurde.
Paulas Magen drückte aber auch, weil sie nicht wusste, was sie erwarten würde. Dafür waren die Erwartungen ihrer Chefin an sie gewaltig. So eine Titelstory war nicht ohne! Paula hoffte, dass sie neben dem Hilfsdienst bei Tante Franziska genügend Zeit für ihren Artikel finden würde. Außerdem wusste sie noch nicht genau, was ihre Tante alles von ihr wollte. Sie hoffte, keine niederen Dienste wie das Bad oder die Toilette putzen erledigen zu müssen.
Plötzlich ächzte das Fahrzeug. Paula war sich nicht sicher, wie lange sie es noch in dem Jeep aushielt. Mit einer Vollbremsung blieb der Wagen auf einmal stehen.
»Ist das Auto kaputt?«, fragte sie Herrn Sepp entsetzt.
Der schüttelte den Kopf. »Mir san do.«
Durchgerüttelt stieg Paula aus. Die frische Bergluft drang ihr sofort in die Nase. Sie roch so rein, so klar. Kein Vergleich zu der smogbeladenen Luft in der Großstadt. Paula blickte sich um. Die Straße endete ein paar Meter hinter ihr. Sie waren auf einer Art Parkplatz mitten im Wald gelandet, der nicht einmal asphaltiert war. Die Wege führten in verschiedene Richtungen. Ringsherum wucherte dichtes Unterholz und bergab lag eine Wiese. Von einer Hütte war allerdings nichts zu sehen. Paula nahm an, dass diese einfach in einer uneinsichtigen Kurve lag.
»Wie weit ist es noch zur Hütte?«, wollte sie von Herrn Sepp wissen.
»Scho so zwanz´g Minuten. Je noch Tempo hoit … Maunchchmoi dauert´s a doppelt so laung, waunn de Wandersleut´ goa so untrainiert san.«
»Und wo geht die Straße weiter?«, fragte Paula aufgebracht. Ihr schwante Böses.
»Weiter geht´s nit mitm Wogn. Do muascht z´Fuaß auffi!«
Paula schluckte. Sie wünschte, sie hätte den letzten Satz nur geträumt.
Doch der Chauffeur ging bereits zum Kofferraum und wuchtete Paulas Gepäckstück heraus. Es plumpste direkt auf den dreckigen Erdboden.
»Bitte seien Sie vorsichtig! «, schrie Paula entsetzt auf. »Das ist ein teures Modell!«
Herr Sepp machte eine beschwichtigende Geste. »Hols und Beinbruch, gö! Richt da Fanny an liabn Gruaß aus!«
Ehe Paula nachfragen konnte, was er eben gesagt hatte, saß Sepp schon wieder im Jeep und trat aufs Gaspedal. Er drehte mit dem Wagen eine Schleife und brauste davon, nicht ohne dabei einen Haufen Dreck und Schlamm aufzuwühlen.
Paula hustete. Das hatte sie nun von ihrer Gutmütigkeit! Gestrandet mitten in der grünen Wildnis, ringsum gefährlich hohe Berge und jetzt sollte sie den Weg zur Hütte alleine zurücklegen? Sie sah sich um. Ein Schild wies auf eine »Alpensternhütte« hin. Da musste sie hin!
Der Boden vor ihr war matschig. Überall hatten sich kleine Pfützen gebildet. Hier musste es erst kürzlich geregnet haben. Entsetzt blickte Paula auf ihre taupefarbenen Wildlederpumps, die nach dem Aufstieg wohl nicht mehr zu retten sein würden. Bereits jetzt kroch eine ekelhafte Schlammschicht über die Sohle hoch. Ihr war zum Heulen zumute.
Mit einem tiefen Seufzer nahm sie den Haltegriff ihres Koffers und wollte ihn hinter sich herziehen, doch das Teil blieb sofort im Matsch stecken. Paula zerrte daran, bekam Übergewicht und plumpste selbst in den Dreck. Fluchend rappelte sie sich auf und wischte sich die schmutzigen Hände an ihren Designerjeans ab. »So ein Mist!«, schimpfte sie. Ihre Augen wurden feucht und sie schniefte frustriert.
Am liebsten würde sie umkehren und wieder zurück nach Innsbruck fahren. Konnte ihre Tante nicht einfach die Hütte schließen und sich ein paar Tage frei nehmen? Kurz überlegte Paula sogar, sie anzurufen und ihr diesen Vorschlag zu unterbreiten.
»Kann ich dir helfen?«, vernahm Paula auf einmal eine Stimme hinter sich.
War das etwa dieser Herr Sepp, der zurückgekehrt war und sie in ein Hotel bringen konnte? Blitzschnell drehte sich Paula um und blickte in kastanienbraune Augen, die sie belustigt musterten. Der Typ, der dazugehörte, sah auch nicht übel aus. Jugendliches Gesicht, dunkle zerzauste Haare, strammer Körperbau.
»Ich muss ... den Berg hoch«, stammelte sie.
»Zur Alpensternhütte?« Der Kerl trat näher.
»Ja, genau!« Sie konnte spüren, dass sich all ihre Probleme lösen würden. Der Typ wirkte beruhigend auf sie und gab ihr eine Portion Vertrauen.
»Den Weg kenne ich!« Er betrachtete sie von oben bis unten. »Allerdings wären Wanderschuhe eher geeignet als Ballerinas.« Der Kerl mit den Wuschelhaaren schmunzelte, wobei sich freche Lachgrübchen links und rechts von seinem Mund bildeten.
»Das sind keine Ballerinas, das sind Pumps«, erwiderte Paula leicht gereizt. »Ich wusste ja nicht, dass ich einen Berg hochklettern soll!« Kritik an ihrer Kleidung konnte sie nicht ausstehen.
»Pack mer's!« Der junge Mann wartete gar keine Antwort von Paula ab, sondern schnappte sich ihren Koffer und hob ihn auf seine Schultern. Mit schnellen Schritten marschierte er bergauf, ohne sich umzusehen, ob Paula ihm folgte. Das tat sie natürlich, wenn auch beschämt und viel langsamer, als sie eigentlich wollte. Mit den Schuhen blieb sie immer wieder im aufgeweichten Boden stecken. Sie bemühte sich, mit dem Fremden Schritt zu halten oder zumindest in Reichweite zu bleiben. Gelegentlich rutschte sie sogar ein kleines Stück rückwärts, da der Waldboden so glitschig war. Als sie über einen Ast stolperte und hinfiel, war sie vollends entmutigt. Paula hasste Sport und hatte genau null Ausdauer. Das bekam sie jetzt zu spüren. Sie seufzte laut.
»Alles in Ordnung?« Der junge Kerl tauchte neben ihr auf. Anscheinend hatte er überhaupt kein Problem den Berg hochzukommen. Und er musste ziemliche Muskeln besitzen, denn er trug den Koffer weiterhin, als hätte dieser ein Fliegengewicht.
»Geht gleich wieder. Ich muss nur mal kurz durchschnaufen«, krächzte Paula. Sie wünschte sich für einen Moment auch so klobige Schuhe zu tragen, wie ihr Begleiter. Er schien damit einen guten Halt zu haben.
Schließlich rappelte sich Paula auf und die beiden setzten den Weg fort. Paula keuchte den Berg hoch, dabei blieb sie immer weiter zurück. Einerseits konnte sie nicht mehr und andererseits wollte sie auf keinen Fall, dass der Kerl bemerkte, wie sie dahinschnaufte.
Kurz bevor Paula die Kräfte endgültig ausgingen, sah sie plötzlich eine Hütte vor sich. Der Typ mit ihrem Gepäck marschierte direkt darauf zu und stieß einen lauten Pfiff aus. Paula ließ die letzten Meter hinter sich und erreichte endlich die Berghütte. Gerade wurde die Tür geöffnet und eine korpulente blonde mittleren Alters Frau trat heraus. »Jo, wie siehst du denn aus?« Verwundert blieb sie vor Paula stehen und schüttelte den Kopf.
»Tante Franziska?«, keuchte Paula, die noch immer völlig aus der Puste war.
»Freilich bin ich´s! Was ist denn mit dir passiert? Bist leicht in den Dreck gefallen?« Sie warf dem Kerl mit dem Koffer einen fragenden Blick zu, der diesen bereits auf den Boden gestellt hatte und nun unwissend mit den Schultern zuckte.
»Ich hab´ ihr gesagt, dass diese Schuhe nix sind!«, brummte er.
Tante Franziska betrachtete Paulas Schuhwerk und kräuselte die Stirn. »Jössas!« Dann machte sie eine abwinkende Handbewegung und meinte: »Na, kann man ja alles waschen!«
Paula nickte nur und wagte nicht einmal, ihr die matschige Hand zu reichen, stattdessen musterte sie Tante Franziska interessiert. Einige Speckröllchen hatte sie zwar zu viel, aber ihr Gesicht wirkte überaus freundlich. Man sah ihr an, dass sie nicht viel Wert auf ihr Äußeres legte. Geschminkt war sie auf jeden Fall nicht und ihre blonden Haare wirkten zerzaust. Das Schlimmste waren aber die geschmacklosen Birkenstocks an ihren Füßen.
»Kimm erscht mol eina!«, meinte ihre Tante.
Ehe sie in die Hütte trat, drehte Paula sich nochmals zu dem jungen Mann um, der sie hochgeführt hatte. »Danke fürs Koffertragen!«
Er nickte ihr kaum merklich zu.
»Dank dir schön, Jockl!« Tante Franziska klopfte ihm auf die Schulter und ging dann hinter Paula her.
Paula fragte sich verwundert, was »Jockl« denn bitteschön für ein Name war, denn eigentlich passte der doch gar nicht zu dem Kerl.
Im Haus ließ sie ihrer Tante den Vortritt. Sie führte Paula in das Herzstück der Hütte. »Die gute Stube!«
Paula sah sich um. Das Häuschen war komplett aus Holz gefertigt. Der Raum, in dem sie gerade standen, beherbergte einen langen Tisch mit Sitzgelegenheiten, auf denen Lammfelle lagen. Auch auf der Terrasse hatte Paula vorhin zahlreiche Tische und Stühle bemerkt. Mit großen Augen schaute sie ihre Tante an. »Ich dachte, du wohnst alleine? Wozu brauchst du denn so viele Plätze?«
»Die Hütte gehört mir, das schon. Ich biete Wanderern eine Jause an. Da es manchmal recht voll wird, habe ich mir eine Hilfe geholt, die Resi. Die ist normal ebenfalls hier, aber zurzeit ist sie grad im Dorf, weil sie ihrer Schwester hilft. Die hat ein Baby bekommen!« Tante Franziska lächelte.
Paula verstand nicht richtig, obwohl ihre Tante gerade ziemlich schön Hochdeutsch gesprochen hatte. »Eine Jausenstation?«
»Genau!«



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